Zeitgemäße Überprüfungsformate für einen zeitgemäßen Unterricht in der Sekundarstufe II

Ein kompetenzorientierter Unterricht stellt den Lernprozess in den Vordergrund, es hat sich ein Paradigmenwechsel vom Lehren zum Lernen vollzogen, aus dem sich ergeben sollte, dass die individuelle Kompetenzentwicklung der Lernenden zum Gegenstand der Bewertung wird.  Eine Herausforderung des kompetenzorientieren Unterricht ist es, Überprüfungsformate zu finden, die dieser Kompetenzorientierung entsprechen. Klausuren allein bieten in vielen Bereichen nicht die Möglichkeit, im Unterricht erlernte Kompetenzen darzustellen. Deshalb sollte sich Schule darum bemühen, die traditionellen Überprüfungsformate zu erweitern. Die Kernlehrpläne in NRW fordern eine Kompetenzorientierung der Lernerfolgsüberprüfungen ein: Es ist erforderlich, „dass Lernerfolgsüberprüfungen darauf ausgerichtet sein müssen, Schülerinnen und Schülern Gelegenheit zu geben, Kompetenzen, die sie erworben haben, wiederholt und in wechselnden Zusammenhängen unter Beweis zu stellen.“  Und sie geben explizit Freiräume, eine große Bandbreite an Überprüfungsformen zu nutzen: „Die Kompetenzerwartungen des Kernlehrplans ermöglichen eine Vielzahl von Überprüfungsformen. Im Verlauf der gesamten gymnasialen Oberstufe soll – auch mit Blick auf die individuelle Förderung – ein möglichst breites Spektrum der genannten Formen in schriftlichen, mündlichen oder praktischen Kontexten zum Einsatz gebracht werden.“[1]

Der Bildungsforscher Eckhard Kieme stellt in diesem Sinne fest: „Kompetenzen kann man nicht durch einzelne, isolierte Leistungen darstellen oder erfassen. Die Entwicklung und Förderung von Kompetenzen ist daher eine ausreichende Breite von Lernkontexten, Aufgabenstellungen und Transfersituationen umschließen.“[2]

Bei der Beurteilung der Kompetenzentwicklung der Schülerinnen und Schüler wird unterschieden zwischen summativen Überprüfungen (am Ende eines Lernabschnitts) und formativen (lernbegleitende) Überprüfungen, die die Kompetenzentwicklung unterstützen. Dieser Unterscheidung entsprechen verschiedene Prüfungsformate: Klausuren bieten die Möglichkeit, punktuell fachliche und methodische Kompetenzen zu überprüfen, Portfolios und Präsentationen dokumentieren einen Kompetenzentwicklungsprozess, Wikis stellen kollaborative Kompetenzen und den gemeinsamen Arbeitsprozess in den Vordergrund und das Führen eines Lernjournals sowie eine Feedbackkultur fordern Reflektionskompetenz der Lernenden ihres Lernprozesses ein.

Für unterschiedliche Kompetenzen scheint es deshalb sinnvoll, unterschiedliche Überprüfungsformate im Unterricht einzusetzen. Für die Mehrheit der im Folgenden darstellten Überprüfungsformate bietet der Einsatz digitaler Medien erhebliche Vorteile. Die Erstellung eines gemeinsamen Wikis erfolgt notwendiger Weise digital, Präsentationen sinnvoller Weise digital und ein Portfolio oder ein Lernjournal wird optional digital geführt. Neben den fachlichen Methoden werden so auch Medienkompetenzen, die im Medienkompetenzrahmen NRW verankert sind, erworben und reflektiert.

Lernjournal

Ein Lernjournal bietet den Lernenden die Möglichkeit, ihren Lernprozess zu reflektieren, indem kontinuierlich (z.B. über den Zeitraum der Qualifikationsphase) die individuelle Kompetenzentwicklung dokumentiert wird. Die Lernenden schulen ihre Reflektionskompetenz und werden darin unterstützt ihren Lernprozess aktiv zu steuern, in dem sie sich erforderliche Kompetenzen (vgl. curriculare Vorgaben) bewusst machen und den Grad ihrer Erreichung selbst einschätzen.

Das Lernjournal kann ein Teil der unterrichtlichen Arbeit und damit auch Gegenstand der Wertung sein. In erster Linie ist es eine Grundlage für Leistungsbewertungsgespräche zwischen Lehrenden und Lernenden und bietet die Möglichkeit, Eigen- und Fremdwahrnehmung der Kompetenzentwicklung abzugleichen.

Mit dem Lernjournal wird der Lernprozess und die Kompetenzentwicklung reflektiert und dokumentiert. Es ist ein Ergebnis des individuellen Lernens (Einzelarbeit).

Portfolios

Ein Portfolio – natürlich auch als e-portfolio umsetzbar – wird von den Lernenden unterrichtsbegleitend geführt und enthält eigene Arbeiten, die während des Unterrichtsvorhabens erstellt wurden. Dazu können auch Hausaufgaben und „EVA“-Aufgaben (Aufgaben, die eigenverantwortlich bei Abwesenheit der Lehrerin/des Lehrers verfasst werden) gezählt werden. In Abgrenzung zum Lernjournal geht es bei diesem Format um inhaltliche Qualitäten/Kompetenzen, so dass es eine fachliche Ergänzung zu dem im Lernjournal dokumentierten Reflektionsprozess ist.

Mit einem Portfolio können die Lernenden nachweisen, dass sie in übergeordneten Zusammenhängen arbeiten können. Es ist ein Ergebnis des individuellen Lernens (Einzelarbeit).

Wikis

Das gemeinsame Erstellen eines Wikis in einer Lerngruppe ist ein interaktiver Prozess. Inhalte werden gemeinsam strukturiert und stehen allen Lernenden zur Verfügung. Die vielseitigen didaktischen Möglichkeiten sind in der Grafik anschaulich dargestellt. Neben den inhaltlichen Kompetenzen stehen hier Kompetenzen im Bereich der Kommunikation, Kollaboration und Mediennutzung im Zentrum.

Mit einem Wiki können die Lernenden kooperative und kommunikative Fähigkeiten, sowie selbständiges Arbeiten darstellten. Es ist ein Ergebnis kollaborativen Lernens (Einzel- und Gruppenarbeit). Für die Leistungsbewertung ist es möglich, die individuellen Beiträge der Lernenden darzustellen und zu bewerten.

Präsentationen

Das Erstellen einer Präsentation erfordert die Fähigkeit, Inhalte selbständig zu erarbeiten und angemessen adressatenbezogen darzustellen. Hierzu gehört auch das Sammeln und Auswerten von Informationen, die Auswahl eines sinnvollen Mediums, die Gestaltung eines digitalen Produkts (z.B. Lehrvideo, Prezi, Powerpoint, Padlet, Podcast, o.ä.) und die Präsentation vor der Lerngruppe. Es ist eine sehr große Bandbreite an Kompetenzen relevant. Neben der intensiven Arbeit an dem unterrichtlichen Gegenstand stellt die Vorstellung des Themas eine Vorbereitung auf die Prüfungssituation im vierten Abiturfach dar.

Eine Präsentation kann sowohl eine individuelle als auch eine kooperative Lernleistung dokumentieren (Einzel- oder Gruppenarbeit).

Klausuren

In der Klausur wenden die Lernenden Kompetenzen problemorientiert an und finden eigene Lösungswege. Fachmethodische Zugänge wie Textanalyse stehen im Zentrum der Leistungsüberprüfung. Darüber hinaus ist in der Regel eine Kontextualisierung und Abstahierung gefordert. Für die Schülerinnen und Schüler haben Klausuren aufgrund ihrer abiturvorbereitenden formalen Anlage sowie dem hohen Stellenwert, den sie für die Benotung haben, eine große Bedeutung und eine stark lernsteuernde Wirkung. Die Objektivität in der Bewertung ist als hoch einzuschätzen, wenn Beurteilungskriterien transparent gemacht werden und für die Schülerinnen und Schüler eine nachvollziehbare Bewertung ihrer Stärken und Schwächen – einschließlich Verbesserungsmöglichkeiten – hervorgeht.

Mit Klausuren wird ein punktueller Kompetenzstand in Bezug auf fachliche und methodische Kompetenzen geprüft. Sie sind ein Ergebnis individuellen Lernens (Einzelarbeit).

Feedback

Für den individuellen Lernprozess ist Feedback von zentraler Bedeutung. Sowohl beim Feedback geben als auch beim Feedback annehmen werden eine Vielzahl von Kompetenzen der Lernenden gefördert. Wie von Hattie bereits 2014 in seinem Buch „Lernen sichtbar machen“ dargestellt, wirkt sich eine Feedbackkultur im Unterricht sehr positiv auf den individuellen Lernprozess aus. Peer-to-peer-Feedback hat häufig einen höheren Stellenwert für die Lernenden als das Feedback der Lehrenden und es fördert zugleich deren kommunikative und reflektierende Kompetenzen. Eine Feedbackkultur zu etablieren ist ein lohnendes Ziel für einen zeitgemäßen Unterricht, erfordert aber einen Übungsprozess, der anfangs angeleitet werden sollte, um einen qualitativ hohen Standard an Rückmeldekultur, sowie ein offenes und wertschätzendes Gesprächsklima zu etablieren.

Mit Feedback werden Reflektionskompetenz, kommunikative und kooperative Kompetenzen beurteilbar. Es ist Ausdruck individuellen Lernens.

Lerngewinn der verschiedenen Prüfungsformate

Betrachtet man die möglichen unterschiedlichen Prüfungsformate in Hinblick auf ihren Lerngewinn für Schülerinnen und Schüler ist Folgendes festzustellen:

Der Lerngewinn ist bei den Prüfungsformen Lernjournal, Portfolio, Wiki und Präsentationen aufgrund der individuellen Dokumentations- und Reflektionsleistung als sehr hoch zu bewerten, wohingegen der Lerngewinn bei Klausuren als eher gering zu bewerten ist. Zu diesen Ergebnissen sind unterschiedliche Studien gekommen, die die Wirksamkeit kompetenzorientierte Prüfungsformate im Kontext des Bologna-Prozess‘ in der Hochschulbildung untersucht haben.

Diese Erkenntnisse aus der Hochschuldidaktik kann sich die Schule zu Nutze machen und auf der Basis der geltenden – sehr offenen Kernlehrpläne – Überprüfungsformate ausprobieren, die sowohl digitale Lernumgebungen berücksichtigen als auch der Vorstellung von individualisiertem und kompetenzorieniertem Lernen entsprechen.  So könnten deutlich mehr Kompetenzen beurteilt werden als in traditionellen Klausurformaten.

Quellen

[1] Ministerium für Schule und Weiterbildung: Kernlehrplan für die Sekundarstufe II. Deutsch. Düsseldorf 2013, S. 40

[2] Klieme, Eckhard: Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards. Berlin 2009, S. 73f.

Bildquelle: http://wiki.llz.uni-halle.de/Wiki

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