Zeitgemäße Bildung im Deutschunterricht der Sek II am Beispiel eines interessengeleiteten und kompetenzorientierten Unterrichtsvorhabens unter Einbezug digitaler Tools

Der Begriff „zeitgemäße Bildung“, geprägt von Dejan Mihajovic 2017, etabliert sich zunehmend als treffender, weil umfassender als Formulierungen wie digitale Bildung/digitales Lernen, Lernen in der digitalen Welt etc. Eine zeitgemäße Bildung integriert selbstverständlich digitale Tools sinnvoll in individualisierte Lernprozesse der Lernenden und ist kompetenzorientiert, wobei neben den Kompetenzen der Kernlehrpläne auch das 4K-Modell (Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken) Berücksichtigung findet.

Wie kann man nun Unterricht konzipieren und durchführen, der dem Ideal einer zeitgemäßen Bildung entspricht? Im Folgenden wird die Idee für ein Unterrichtsvorhaben für das Fach Deutsch vorstellt, das die Merkmale eines zeitgemäßen Unterrichts exemplarisch umsetzt.

Meine Überlegungen lassen sich in vier Abschnitte gliedern:

  • Curriculare Vorgaben Deutsch Sek II, NRW
  • Didaktische Idee
  • Darstellung des Unterrichtsvorhabens
  • Konsequenzen für Überprüfungsformate

Curriculare Vorgaben Deutsch Sek II, NRW

Die seit dem 01.08.2014 geltenden Kernlehrpläne für die Sekundarstufe II im Fach Deutsch bieten sehr gute Voraussetzungen, um Unterricht zu konzipieren, der den eingangs dargestellten Vorstellungen entspricht: Zentral ist die Idee eines Paradigmenwechsels von der Input- zur Outputorientierung vor dem Hintergrund der Kompetenzorientierung. Das bedeutet, dass sich der Fokus verschiebt weg vom Lehrprozess auf den Lernprozess. Daraus ergibt sich, dass individualisierte und personalisierte Lernprozesse initiiert werden, bei denen sich die Rolle der Lehrenden zu Begleitern und Steuerern dieser Prozesse verändert und die Lernenden mehr Verantwortung für ihre Lernprozesse erhalten.

Im Fach Deutsch gibt es zwei Kompetenzbereiche, denen jeweils zwei Teilkompetenzen untergeordnet sind:

Rezeption

Produktion
Lesen Zuhören Schreiben

Sprechen

Diese vier Kompetenzen sind Gegenstand der Leistungsbewertung, wobei unterschieden wird zwischen dem individuellen Stand und dem individuellen Prozess der Kompetenzentwicklung der Lernenden. Hier bietet es sich an, die Schülerinnen und Schüler ein Portfolio führen zu lassen, in dem ihre eigene Kompetenzentwicklung für jedes Unterrichtsvorhaben dargestellt und reflektiert wird.

Diese vier Kompetenzbereiche werden mit vier Inhaltsfeldern (Sprache, Texte, Kommunikation, Medien) verknüpft, dabei sollte im Sinne eines kumulativen Kompetenzerwerbs eine Verknüpfung verschiedener Inhaltsfelder angestrebt werden. Eine solche Verknüpfung ist in der folgenden Abbildung (zentrale Vorgaben für das Abitur in NRW 2020, GK) durch die farbige Unterlegung der in dem Unterrichtsvorhaben angesprochenen Inhaltsfelder dargestellt.

Das Inhaltsfeld Texte markiert den zentralen Lerngegenstand des Deutschunterrichts. Prägend für die Gestaltung eines Unterrichts, der als zeitgemäß zu bezeichnen ist, ist eine Erweiterung des traditionellen Textbegriffes, der bereits seit 2014 im Kernlehrplan gefordert wird: „Ein erweiterter Textbegriff umfasst dabei mündliche und schriftliche Textformen, kontinuierliche wie auch diskontinuierliche Texte und medial-ästhetische Gestaltungen“ (vgl. Kernlehrplan Deutsch Sek II, S. 15).   Im dem vorliegenden Unterrichtsvorhaben werden deshalb Texte in vielfältigen Formen angeboten, sowohl im Bereich der Rezeption als auch im Bereich der Produktion.

Didaktische Idee

Bei der Konzeption des Unterrichtsvorhabens sind drei Aspekte für mich entscheidend:

  1. Die Lernenden sollen innerhalb des vorgegebenen thematischen Rahmens die Möglichkeit erhalten, sich in einem selbstgesteuerten Lernprozess ihrem eigenen Interesse entsprechend mit einem Teilbereich zu beschäftigen.
  2. Der anschließende Austausch über die verschiedenen Unterbereiche soll kollaborativ und medial gestützt (Erstellung eines gemeinsamen Wikis) erfolgen, um eine Peer-to-peer-Lernsituation und regelmäßiges Feedback zu etablieren.
  3. Kompetenzorientierung der einzelnen Bereiche wird transparent gemacht und die Lernenden dokumentieren ihre Kompetenzentwicklung im Laufe des Unterrichtsvorhabens. Die Leistungsbewertung im Bereich der „Sonstigen Mitarbeit“ erfolgt unter Einbezug dieser Kompetenzentwicklungsdokumentation. Ein exemplarisches Kompetenzraster wird im Rahmen des nächsten Blog-Beitrages „zeitgemäße Prüfungsformate für einen zeitgemäßen Unterricht“ vorgestellt werden.

Diese Aspekte entsprechen der Vorstellung einer „agilen Didaktik“, wie sie zum Beispiel von Philippe Wampfler, Schweizer Autor, Dozent und Lehrer für digitale Bildung, für den Unterricht gefordert wird. Ein agiles Lernen verläuft in einer Balance zwischen individuellen Arbeitsphasen und Phasen des Austausches mit den anderen Lernenden. Grundvoraussetzungen sind eine hohe Eigenverantwortlichkeit der Schülerinnen und Schüler, klare Zielsetzungen und regelmäßiges Feedback.

In dem Schaubild ist ein solcher agiler Ablauf einer Lernsituation schematisch dargestellt.

Darstellung des Unterrichtsvorhabens

Das Unterrichtsvorhaben ist für die Qualifikationsphase konzipiert und wird einen zeitlichen Umfang von 18-24 Unterrichtsstunden benötigen.

Es verläuft auf verschiedenen Ebenen, die von der Lehrerin/dem Lehrer an verschiedenen Punkten zusammengeführt werden:

Ebene 1: individuelles Arbeiten an einem interessensgeleiteten thematischen Schwerpunkt

Ebene 2: produktorientiertes Arbeiten: jeder thematische Schwerpunkt wird in Form eines medialen Produktes präsentiert (Video, Präsentation, Padlet, o.ä.) und den Mitschülerinnen und Mitschülern zur Verfügung gestellt.

Ebene 3: kollaboratives Arbeiten: die inhaltlichen Unterrichtsergebnisse werden gemeinsam in Form eines Wikis dokumentiert.

Thema des Unterrichtsvorhabens:

Grenzgänger und Grenzüberschreiter: Bücherverbrennungen als ein die Kultur begleitendes Phänomen der Unterdrückung und Zensur von der Antike bis zur Gegenwart und ihre Auswirkungen auf die Literatur

Mögliche Aspekte der Betrachtung / thematische Schwerpunkte

Ray Bradbury, „Fahrenheit 451“ (Roman, erschienen 1953): Dystopie, in der Feuerwehrmänner die Aufgabe haben, Bücher zu verbrennen, um die Gesellschaft ungebildet, unkritisch und damit manipulierbar zu formen

Heinrich Heine, „Almansor“ (Tragödie, erschienen 1823): formal klassisches Drama, das Bücherverbrennungen vor dem Hintergrund religiöser und kultureller Toleranz (Christentum, Islam, Judentum) im mittelalterlichen Spanien thematisiert

Historischer Längsschnitt der Bücherverbrennungen: religiöse, politische und moralische Begründungsvesuche für ein kulturbegleitendes Phänomen von der Antike bis zur Gegenwart

Im Namen Gottes: Bücherverbrennungen der Katholischen Kirche und ihre gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und literarischen Folgen

Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit: politisch motivierte Bücherverbrennungen als Ausdruck revolutionärer Gedanken im Kontext der französischen Revolution und des nordamerikanischen Bürgerkriegs

„Das war ein Vorspielnur, …“:Studentische Bücherverbrennungen auf dem Wartburgfest als Ausdruck politischer und gesellschaftlicher Prozesse im Deutschland des 19. Jahrhunderts und ihre gesellschaftspolitischen Folgen

dort wo man Bücher verbrennt, verbrenntman am Ende auch Menschen“:Die Bücherverbrennungen der Nationalsozialisten als faschistische Machtdemonstration und ihre Folgen für die Literatur, Kultur und Wissenschaft im Deutschland des 20. Jahrhunderts.

Im Namen der Moral: Bücherverbrennung als Sinnbild für die Zensur in amerikanischen Medien am Beispiel der Repressionen des US-Politikers Anthony Comstock (1844-1915) und deren Folgen im 20. Jahrhundert.

„Dafür sind Bibliotheken da. Um Daten, um Tatsachen, um Informationen zu beschützen.“:Data-refuge als Antwort auf politisch motivierte „digitale Bücherverbrennungen“ im 21. Jahrhundert im Internet.

Ablauf des Unterrichtsvorhabens

Zu Beginn des Unterrichtsvorhabens wird das Thema dargestellt und die verschiedenen thematischen Schwerpunkte erläutert. Hierbei werden auch die jeweiligen Kompetenzen (siehe Kernlehrplan) thematisiert. Daran schließt sich eine Phase an, in der die Lernenden sich über die angebotenen thematischen Schwerpunkte informieren, um sich dann interessengeleitet einen individuellen Schwerpunkt auswählen (ca. 4 Stunden).

In den folgenden Unterrichtsstunden arbeiten die Schülerinnen und Schüler an ihrem thematischen Schwerpunkt und bereiten das Thema in Form eines medialen Produktes, das den Mitschülerinnen und Mitschülern präsentiert wird, auf (ca. 6 Stunden).

In einer dritten Unterrichtsphase werden parallel die Themenbereiche präsentiert und die Unterrichtsergebnisse in Form eines Wikis dokumentiert (ca. 6 Stunden).

Zum Abschluss des Unterrichtsvorhabens finden individuelle Beratungsgespräche zur Leistungsbewertung auf der Grundlage der Kompetenzentwicklung, des individuellen medialen Produktes, der Qualität der Wiki-Arbeit, sowie der selbständigen Gestaltung des Lernprozesses statt (ca. 4 Stunden).

Konsequenzen für Überprüfungsformate

Zeitgemäße Bildung braucht Räume für Lernprozesse mit Trial and Error. Räume, um neue Konzepte zu entwickeln oder Projekte durchzuführen. Nur neue Prüfungsformate und Bewertungsansätze werden diese Räume ermöglichen.“ (Dejan Mihajovic „Was ist zeitgemäße Bildung?“ https://mihajlovicfreiburg.com/2017/09/08)

Mit diesen Worten lässt sich das Dilemma gut zusammenfassen, das die zentralen Abiturprüfungen und ihre stark standardisierten Überprüfungsformate für die Leistungsbewertung im Unterricht schaffen. Zentrale Prüfungen und agiles Lernen stellen eine extreme Diskrepanz dar. Da die Lehrenden die Verantwortung dafür tragen, dass die Schülerinnen und Schüler die standardisierten Aufgabentypen beherrschen, um die Abiturprüfungen erfolgreich zu absolvieren, müssen die Klausuren natürlich diesen Aufgabentypen entsprechen. Eine solche Klausur ist aber kaum mit individuellen Lernwegen, prozessorientierten Kompetenzen und zeitlichen Abläufen, wie sie ein Unterrichtsvorhaben wie oben dargestellt erfordern, sinnvoll in Einklang zu bringen.

Jeder Lehrende weiß, dass Klausuren und Prüfungen allgemein eine sehr stark lernsteuernde Wirkung haben, salopp gesagt: was nicht in der Klausur „drankommt“, wird auch nicht gelernt. Wie sollte man also Lernenden glaubhaft vermitteln, dass es ihr Lernen bereichert, was sie im Unterricht tun, wenn in der Klausur dann „nur“ eine Textanalyse gefordert wird. Und hat dann nicht der Schüler einen Vorteil, der den Roman analysiert hat, und der einen Nachteil, der sich mit gesellschaftlichen und politischen Grundlagen von Literatur beschäftigt hat?  Hier müssen Lösungen gefunden werden, um Überprüfungsformate zu entwickeln, die tatsächlich prozessorientiert und individuell, wie Portfolios und Produkte, die im Einzelfall eines Unterrichtsvorhabens eine Klausur ersetzen können.

Zugespitzt formuliert sind alle curricularen Reformen und Innovationen wirkungslos, wenn das Curriculum nicht in einer qualitativ hochwertigen Prüfungskonzeption abgebildet wird.

Der nächste Blogbeitrag wird sich deshalb mit dem Thema „Zeitgemäße Überprüfungsformate für einen zeitgemäßen Unterricht“ beschäftigen.

Beitragsbild: https://zfl.uni-koeln.de/elearning-praxissemester.html

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