Welche pädagogischen Potentiale bieten Erklärvideos im Unterricht?

Der Einsatz von Erklärvideos im Unterricht ist vor dem Hintergrund verschiedener didaktischer Überlegungen sinnvoll. Entscheidend ist dabei die Kontextualisierung in den unterrichtlichen Zusammenhang, denn das Erklärvideo ist wie jedes eingesetzte Medium kein Selbstzweck, sondern muss pädagogisch zielführend in den Unterricht integriert werden.

Die Lehrperson trifft die didaktische Entscheidung, ob das Video rezipiert oder produziert werden soll, beide Einsatzmöglichkeiten haben einen hohen Stellenwert im kompetenzorientierten Unterricht. Beim rezeptiven Einsatz kann entweder auf eine große Zahl von frei zugänglichen Erklärvideos zurückgegriffen werden oder es werden bereits selbst oder von Lernenden produzierte Erklärvideos eingesetzt.

  Einsatzmöglichkeiten im Unterricht Pädagogische Potentiale

 

Rezeption von Erklärvideos Mittels eines Videos erschließen sich die Lernenden neue fachliche Inhalte, die anschließend im Unterricht vertieft werden. (z.B. Modelle, Versuche). Individualisiertes Lernen im eigenen Tempo durch die Möglichkeit, zu unterbrechen/zu wiederholen (vgl. flipped classroom).

–> Einstiegsphasen

In einem Video werden im Unterricht erarbeitete Inhalte visualisiert zusammengefasst (z.B. Theorien). Förderung von leistungsschwächeren Lernenden, alternative Lernkanäle nutzen.

–> Sicherungsphasen

Mit Hilfe von Fragen zu einem Erklärvideo (z.B. mit dem Tool Edpuzzle) werden neue Inhalte erarbeitet und kleinschrittig gesichert. Individuelle Förderung durch differenzierte Anforderungsniveaus in den Fragen (von sichernd bis weiterführend).

–> Erarbeitungsphasen

Kritische Auseinandersetzung mit der Qualität von Erklärvideos: mithilfe von Kriterien (z.B. Darstellungsformen, Sprachebene) werden Erklärvideos bewertet. Die Fähigkeit Lernprozesse (eigene und die anderer Lernenden) zu reflektieren wird gefördert, mediale Gestaltungskompetenz wird mit fachlichen Kompetenzen verbunden.

–> Reflektionskompetenz

Produktion von Erklärvideos

 

Lernende erstellen ein Lernvideo zu einem kleinen fachlichen Teilbereich innerhalb des Unterrichts: Niveaudifferenzierung durch die Auswahl verschiedener Themen. Lernen durch Erklären (peer-learning). Individuelle Förderung von leistungsstarken Lernenden durch vertiefende Verstehens- und Lernstrategien und leistungsschwächeren Lernenden durch Wiederholungen

–> mediale Gestaltungskompetenz

Vorwissen aktivieren: mittels eines selbsterstellten Erklärvideos kann z.B. die Textkenntnis bei Lektüren überprüft werden oder die Lernausgangslage (z.B. Grammatikkenntnisse des letzten Schuljahres) erfasst werden. Die Lernenden übernehmen Verantwortung für ihren Lernprozess, Motivation durch die produktionsorientierte Methode Diagnosemöglichkeit für die Lehrenden

–> mediale Gestaltungskompetenz

Lernende erstellen ein Lernvideo z.B. für jüngere Lernende: Adressatenbezug (Alter der Zielgruppe), Medienkompetenz (mediale Umsetzung) und Fachkompetenz Verstehenskompetenz und fachliche Richtigkeit werden verknüpft. Peer-tutoring: Lernende des Leistungskurses vermitteln Inhalte an Grundkurs-Schülerinnen und -Schüler, Oberstufenschülerinnen und Schüler an jüngere Lernende, etc. (Projektarbeit)

–> mediale Gestaltungskompetenz

Die Lernenden beurteilen kriteriengeleitet die Erklärqualität von selbstproduzierten Videos (z.B. in Bezug auf die Zielgruppe, die fachliche Richtigkeit und die Darrstellungsform). Peer-grading: sowohl bei der Produktion als auch bei der abschließenden Präsentation werden kooperative Feedbackmethoden aktiviert.

–> Urteilskompetenz

Zusammenfassend ist festzustellen, dass Erklärvideos eine sehr große Bandbreite an sinnvollen unterrichtlichen Einsatzmöglichkeiten haben. Drei Aspekte sind ausschlaggebend für den Lernerfolg mittels Erklärvideos:

  1. Erklärvideos bieten eine maximale Möglichkeit der Differenzierung für die Lernenden: sie können sich in ihrem Tempo Inhalte erarbeiten und sich auf ihrem Niveau mit Themen auseinandersetzen. Im weiteren Verlauf des Unterrichts werden diese verschiedenen Perspektiven durch die Lehrperson zusammen- und weitergeführt (vgl. flipped classroom).
  2. Erklärvideos zu erstellen fördert die Kommunikations- und mediale Gestaltungskompetenz der Lernenden, setzt ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz voraus und ist – nicht zuletzt – ein sehr motivierender Zugang zu Unterrichtsgegenständen für die Lernenden. Der pädagogische Wert des Peer-Tutorings ist für beide Seiten wissenschaftlich nachgewiesen worden.
  3. Erklärvideos hinsichtlich ihrer Qualität zu bewerten fördert die Reflektionsfähigkeit von Lehr- und Lernprozessen und damit die bewusste Auseinandersetzung der Lernenden mit ihrem eigenen Lernprozess. Die aktive Umsetzung dieser Erkenntnisse in Form eigener Videoproduktionen führt zu einem vertieften Verständnis verschiedener Lernwege und fördert einen kritischen Umgang mit Medien.
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