Kompetenzorientierung für Lernende transparent machen und einen reflektierten Lernprozess initiieren

Am Beispiel eines Unterrichtsvorhabens der Qualifikationsphase im Fach Deutsch (Jahrgangsstufe 11/12) soll dargestellt werden, wie eine kompetenzorientierte Lehr- und Lernsituation in einem Grundkurs aufgebaut werden kann. Der Kurs setzt sich neu zusammen und in dieser Zusammensetzung werden die Lernenden gemeinsam zwei Jahre lernen, das Abitur vorbereiten und ablegen – ideal, um von Beginn an die Merkmale eines kompetenzorientierten Unterrichts für die Schülerinnen und Schüler transparent zu machen und sie darin zu stärken, selbständig zu lernen.

Wir werden mit einer für die Lernenden überraschenden Variante von Kurs-„Regeln“ beginnen, die explizit wertschätzend und ehrlich formuliert sind. Diese fünf Thesen von mir als neuer Kurslehrerin werden die Lernenden möglicherweise zum Teil irritieren, sie werden neugierig werden, was auf sie zukommt und das Layout wirkt auf sie freundlich, eventuell sogar ansprechend.

Das primäre Ziel des Einstieges ist es, miteinander ins Gespräch über die fünf Thesen zu kommen, sich auszutauschen darüber, in wie weit die Lernenden bisher ihren Lernprozess reflektiert haben, gemeinsam zu überlegen, was diese Thesen für unseren Unterricht konkret bedeuten könnten und was sie für sie selbst und ihr Lernen bedeuten könnten. Die Folie fungiert auf der Beziehungsebene als Türöffner, auf der Inhaltsebene offenbart sie den didaktischen Ansatz des kommenden Unterrichts.

Hinter jeder der Thesen verbirgt sich didaktisch eine der Säulen eines zeitgemäßen Unterrichts:

zeitgemäßer Unterricht
Kompetenzbereiche des Faches individualisierte Lernwege/Zugänge Verantwortung für den eigenen Lernprozess Kompetenzorientierung Die vier Dimensionen der Bildung

Diese fünf Säulen sollen nun im Hinblick auf das geplante Unterrichtsvorhaben inhaltlich konkretisiert werden.

Das Unterrichtsvorhaben „Unterwegs sein – Lyrik von der Romantik bis zur Gegenwart“entspricht einer der thematischen Vorgaben für das Zentralabitur 2020 und ist im Inhaltsfeld Texte angesiedelt.

Thematisch bietet das Motto „Unterwegs sein“ viele Facetten, die Schülerinnen und Schüler interessieren können: Veränderung, Sehnsucht, Heimatverlust, Rastlosigkeit sind mögliche Zugänge  zu dem Thema, Migration ist für die Lernenden ein aktueller Lebensweltbezug, der sich nutzen lässt, um für den historischen Wandel der damit verbundenen Emotionen und deren lyrische Verarbeitung zu sensibilisieren. Der literaturgeschichtliche Kontext umfasst mehr als 200 Jahre und große Epochen wie die Romantik, den Expressionismus, die Moderne und die Postmoderne sind in Hinblick auf gesellschaftliche, politische, technische und ideelle Haltungen zu untersuchen.

Es wird deutlich: es handelt sich um ein spannendes und motivierendes Thema, in das man sich als Schüler aber nur einarbeiten kann, wenn man sein Wissen mit anderen teilt, sich gegenseitig unterstützt und gemeinsam arbeitet: die vier Ks, – Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken – werden hier der Schlüssel zum (Lern-)Erfolg für die Schülerinnen und Schüler werden.

Kompetenzbereiche des Lernlehrplan Deutsch NRW

Die erste These benennt die Kompetenzbereiches des Faches Deutsch laut Kernlehrplan des Landes NRW: Lesen und Zuhören (Rezeption) sowie Scheiben und Sprechen (Produktion) sind die vier Kompetenzbereiche des Faches Deutsch, übergeordnet sind die Kompetenzbereiche Reflektieren und Beurteilen.

Aus der Verbindung von Inhaltsfeld (Texte) und den Kompetenzbereichen werden im Kernlehrplan folgende konkretisierte Kompetenzerwartungenan die Lernenden formuliert:

´

Die Schülerinnen und Schüler können …:

Rezeption Produktion

 

·       lyrische Texte aus mindestens zwei unterschiedlichen Epochen unter besonderer Berücksichtigung der Formen lyrischen Sprechens analysieren,

·       literarische Texte in grundlegende literarhistorische und historischgesellschaftliche Entwicklungen einordnen und die Möglichkeit und Grenzen der Zuordnung literarischer Werke zu Epochen aufzeigen

·       verschiedene Textmuster bei der Erstellung von analysierenden Texten zielgerichtet anwenden,

·       in ihren Analysetexten Ergebnisse textimmanenter und textübergreifender Untersuchungsverfahren darstellen und in einer eigenständigen Deutung zusammenführen,

·       komplexe literarische Texte durch einen gestaltenden Vortrag interpretieren

·       ihr Textverständnis durch Formen produktionsorientierten Schreibens darstellen

Diese Kompetenzerwartungen müssen die Lernenden kennen, um sie erfüllen zu können. Sie werden in Form eines Kompetenzrasters zu Beginn des Unterrichtsvorhabens dargestellt und die Schülerinnen und Schüler geben zu Beginn eine Selbsteinschätzung ab und am Ende des Unterrichtsvorhabens beurteilen sie die Erweiterung ihrer Kompetenzen in den unterschiedlichen Bereichen.

Individualisierte Lernwege

Innerhalb des Unterrichtsvorhabens gibt es eine große Bandbreite an Gegenständen mithilfe derer die Lernenden die dargestellten Kompetenzen erwerben/vertiefen können. Ein differenzierter und individualisierter Unterricht lässt hier Entscheidungsmöglichkeiten für die Lernenden. Es muss nicht jeder alles machen, um sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. Entscheidend sind Lernarrangements, die Möglichkeiten bieten, sich nach eigenem Interesse mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich immer wieder mit anderen auszutauschen, Ergebnisse mit den Mitschülern zu teilen und seinen Lernprozess zu steuern.

Verantwortung für den eigenen Lernprozess

Kompetenzen können Schülerinnen und Schüler nur aktiv erwerben, indem dem sie handelnd Wissen erwerben. Der Lehrer/die Lehrerin ist dafür verantwortlich, Lernsituationen vorzubereiten und zu gestalten, die eine intensive, aktive, selbstgesteuerte Auseinandersetzung mit dem Lerngegenstand für die Lernenden ermöglichen und dafür, die Lernprozesse zu unterstützen und zu belgeiten. Verantwortlich für ihren Lernprozess sind die Schülerinnen und Schüler.

Lernende lernen erfolgreicher, wenn sie ihre Lernprozesse – und ihre Kompetenzentwicklung – reflektieren. In einem Lernjournal können Reflektionsbögen gesammelt werden, aber auch eigene Bemerkungen der Schülerinnen und Schüler zu ihrem Lernprozess dokumentiert werden. Es könnte die Lernenden während der gesamten Qualifikationsphase begleiten und ihren Lernprozess dokumentieren. Folgende Ziele werden damit angestrebt:

  • Lernfortschritt bewusst machen
  • Realistische Stärken und Schwächen erkennen
  • Grundlagen für Beurteilungsgespräche haben

Das Führen eines Lernjournals macht den Schülerinnen und Schülern ihre eigene Verantwortung für ihren Lernprozess deutlich.

Kompetenzorientierung

Wer Kompetenzen entwickeln will, muss auf das Lernen und nicht auf das Lehren setzen, man kann also von einem Paradigmenwechsel im Unterricht sprechen. Das Lernen – individualisiert und eigenverantwortlich – führt zu einer Kompetenzentwicklung bei den Schülerinnen und Schülern. Dabei kann ein zeitgemäßer Unterricht Lernende dabei unterstützen auf unterschiedlichen Ebenen Kompetenzen zu entwickeln:

  1. Konkretisierte Kompetenzerwartungen des Kernlehrplans
  2. Die vier Ks[1]
  3. Kompetenzen des Medienkompetenzrahmens NRW

Das Kompetenzraster kann einmal zu Beginn des Unterrichtsvorhabens von den Lernenden genutzt werden, um sich selbst einzuschätzen und Entwicklungsbedarfe festzustellen und am Ende des Unterrichtsvorhabens, um die Kompetenzentwicklung in den einzelnen Bereichen reflektieren zu können.

Wenn es sowohl die Lernenden als auch die Lehrenden ausfüllen, ist es zugleich eine sehr gute Grundlage, um die Leistungen im Bereich Sonstige Mitarbeit fundiert besprechen zu können.

[1]Vgl. Fadel, Charles Fadel, u.a.: Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen. Hamburg 2017

Die vier Dimensionen der Bildung – Lernen im 21. Jahrhundert

Die vier Fertigkeiten, die für Lernende des 21. Jahrhunderts relevant sind, sind übergeordnete Kompetenzen, die ihre Entsprechungen in vielen in den Kernlehrplänen NRW bereits verpflichtend ausgewiesenen Kompetenzen finden. Die Idee hinter diesen überfachlichen Kompetenzen ist, dass Menschen in einer zunehmend digitalisieren Lebenswelt in diesen vier Bereichen kompetent sein müssen, um an der veränderten Lebenswelt aktiv zu können. Das gemeinsame Lösen von komplexen Problemen sollte deshalb auch im Unterricht eine zentrale Rolle spielen.

Die vier Ks als Fokus für ein Kompetenzraster zu verwenden, betont ihre Bedeutung für die Lernenden.

Die Kompetenzbereiche des Medienkompetenzrahmen NRW

Der Medienkompetenzrahmen NRW gilt ab 2021 und sieht vor, dass jede Schule ein Medienkonzept entwickelt, in dem die unterschiedlichen Kompetenzen über alle Fächer und Jahrgangsstufen verteilt werden. Medienkompetenzförderung wird damit zum Thema aller Fächer. Gleichzeitig bedeutet dies, dass nur einzelne Kompetenzbereiche in einem Fach verankert werden.

Kompetenzraster für das Unterrichtsvorhaben Unterwegs sein – Lyrik von der Romantik bis zur Gegenwart

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