Individualisiertes/personalisiertes Lernen mit digitalen Medien

Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern entspricht einer der zentralen Grundaussagen des Schulgesetzes in NRW, das seit 2005 den Rechtsanspruch jedes Lernenden auf individuelle Förderung festgelegt hat. Dieser Anspruch stellt seitdem eine große Herausforderung für die Lehrenden dar, digitale Medien können nun vielseitige Möglichkeiten bei der Entwicklung von individualisierten Lernarrangements bieten. Außerhalb von Schule sind digitale Lernangebote bereits selbstverständlicher Alltag von Schülerinnen und Schülern: Lernen für den Führerschein per App, Nachhilfe per Lernvideos, Styling-Tutorials per youtube, Klavierunterricht per Online-Tutorial. All diese stark frequentierten Lernangebote haben das individualisierte Format gemeinsam, in dem lernen verläuft: selbstgesteuert, im eigenen Lerntempo und interessengeleitet. Der Erfolg von Online-Plattformen wie die Kahn-Academy, bei der sich weltweit mehr als 2 Millionen Menschen selbstgesteuert Wissen aneignen, zeigt das große Bedürfnis von Menschen, individuelle Lernwege zu gehen und dies außerhalb von traditionellen Bildungseinrichtungen.

Potentiale von digitalen Medien für das personalisiere Lernen

Die Beispiele machen sehr deutlich, welches Potential in digitalen Medien steckt, individualisiertes Lernen in der Schule zu unterstützen. Das didaktische Konzept des  „blended leaning“ z.B. bietet durch den Einbezug von Werkzeugen wie Learning-Apps oder Lernvideos verknüpft mit personalisierten Aufgaben vielfältige Möglichkeiten für individualisiertes Lernen im schulischen Kontext.

Die folgende Grafik der aktuellen Studie „Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien“ der Robert Bosch Stiftung  zeigt Gelingesbedingungen und Schwierigkeiten für personalisiertes Lernen im Unterricht auf.

Individualität und Kreativität

Im Kern geht es darum, Schülerinnen und Schülern ein Lernen zu ermöglichen, das den individuellen Interessen des einzelnen entspricht.   Dabei steht die Idee des individualisierten Lernens in direktem Zusammenhang mit einer konstruktivistischen Didaktik, nach der Wissen von den Lernenden individuell konstruiert und nicht von Lehrerinnen und Lehrern vermittelt wird, sondern von Schülerinnen und Schülern eigenverantwortlich erworben wird.  Verbunden mit dem Anspruch, individuelle Begabungen von Schülerinnen und Schülern zu fördern, ergibt sich die Notwendigkeit, im Unterricht mehr Freiraum zum kreativen Denken zu geben.

Diese Idee findet ich auch in dem Modell der vier Dimensionen der Bildung, das Kreativität,  kritisches Denken, Kollaboration und Kommunikation als die vier notwendigen Kompetenzen für das 21. Jahrhundert benennt.  Mit Kreativität ist in diesem Zusammenhang die Fähigkeit zu divergentem Denken und zu eigen Lösungswegen gemeint. Zeitgemäße Bildung muss deshalb in besonderem Maße versuchen, Kreativität und Individualität bei Lernenden zu fördern.

Genau diese Fähigkeiten werden aber in der Schule scheinbar nicht nur nicht gefördert, sondern sogar vom Schulsystem verhindert. Zu stark orientiert am Durchschnitt, an inhaltlichen Vorgabe und an normierten Lernwegen ist es eben häufig noch kein individualisiertes Lernen, was im Unterricht passiert. Eine Studie zum kreativen Denken mit 1600 Schülerinnen und Schülern der US-amerikanischen Kreativforscher George Land und Beth Jarman kommt zu dem erschreckenden Ergebnis, dass mit fünf Jahren 98% der Lernenden Höchstwerte im Bereich kreatives Denken haben, mit 10 Jahren (also nach 5 Jahren Schule) sind es nur noch 30% und nach weiteren fünf Jahren Schule (bei nun fünfzehnjährigen Lernenden) erreichen nur noch 12% der Schülerinnen und Schüler die Höchstwerte. Zusammenfassend könnte man sagen: wir treiben den Lernenden ihre Kreativen Lösungsideen und Denkstrukturen erfolgreich aus, indem wir sie 12 Jahre lang mit Hilfe von normierten Lehrplänen, Lernstandsüberprüfungen und zentralen Prüfungen zur Nutzung von starren Analyseschemata und „richtigen“ Lösungswegen ermutigen statt zum divergenten Denken.

Didaktische Konsequenzen

Unterricht muss sich also verändern, um den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu bieten, Kompetenzen wie kritisches Denken und Kreativität zu erlangen.  Lehrende können versuchen, Freiräume zum kreativen Denken zu schaffen, dabei könne digitale Medien ein einfaches aber sehr wirkungsvolles Mittel sein . Philippe Wampfler verwendet für die hier notwendige Offenheit und Flexibilität der Lehrenden im Unterricht den Begriff der „agilen Didaktik“.  Was das konkret für Unterrichtsentwicklung bedeutet, damit wird sich der Beitrag „agile Didaktik im Deutschunterricht der Sek II“ beschäftigen.

Im Folgenden werden zusammenfassend einige Möglichkeiten im Unterricht mit digitalen Medien individuell/personalisiert zu lernen dargestellt, die in unterschiedlichen fachlichen Kontexten Anwendung finden könnten:

Digitales Tool Didaktische Möglichkeiten Fachliche Kontexte
Learning-Apps Eigene apps zur Themenzusammenfassung/Fokussierung erstellen: kreative Umsetzung von Lerninhalten Zeitstrahl Geschichte/Literatur/Musik

Hörverstehensaufgaben Fremdstachen

Bewegungsabläufe Sport

Learning-Apps Lern-apps anwenden: zum Üben, zur Diagonstik, zur Stärkenförderung

Personalisierte Lernschritte je nach indiiduellem Lernfortschritt

Grammatiktraining Sprachen

Übungsaufgaben Mathe

Lernvideos Lernvideos selbst erstellen: Versuche darstellen und erläutern, L.ösungswege differenziert darstellen, Lernprozess reflektieren Inhalte erklären

Informationen anschaulich präsentieren

Versuche „vertonen“ NW

Lernvideos Lernvideos zur Aneignung von Wissen im eigenen Tempo der Lernenden nutzen und Unterrichtszeit zum Austausch (flipped classroom) Theorien

Modelle

Historisches Wissen

Videokonferenzen Direkte Kommunikation mit native Speakern, z.B. mit Austauschschülern/Partnerschulen Hörverstehen und Kommunikation in Fremdsprachen
Digitales Portfolio (padelt/Wiki) Zusammenstellung von Arbeitsergebnissen in digitaler Form als individuelles Produkt oder auch als Prüfungsformat Zusammenfassungen von Themengebieten
Digitale Quizze (Kahoot, Biparcourt) Gamifizierung von Lehr-/Lernprozessen: Motivation durch den Wetbewerbscharakter, indivuelle Anspruchsniveaus und Interessensschwerpunkte.

Literatur

Wampfler, Philippe (2018): Interview #Educouch (Institut für digitales Lernen). Deutschunterricht mit digitalen Medien.

Holmes, W., Anastopoulou S., Schaumburg, H. & Mavrikis, M. (2018).  Personalisiertes Lernen mit digitalen Medien. Ein roter Faden. Stuttgart: Robert Bosch Stiftung.

Lindner, Michael, Klug, Marcus (2018): Morgen weiß ich mehr. Intelligenter lernen und arbeiten nach der digitalen Revolution.

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