Die Evolution des Lesens – eine Lesestrategie für digitale Texte entwickeln

Die Stavanger Erklärung[1]

130 Leseforscher aus ganz Europa haben über einen Zeitraum von vier Jahren unter dem Projektnamen E-READ (Evolution of reading in the age of digitisation) den Einfluss von digitalen Medien auf das Leseverhalten erforscht und ihre Ergebnisse in Form der Stavanger-Erklärung im Dezember 2018 der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass das Verständnis langer Informationstexte beim Lesen auf Papier besser als beim Bildschirmlesen ist. Daraus allerdings zu deuten, dass gedruckte Texte grundsätzlich besser als digitale sind, ist zum einen nicht richtig („Wenn die digitale Lernumgebung auf die jeweiligen Leser zugschnitten ist, führt das zu Vorteilen bei dem Verständnis und der Motivation“, ebd.) zum anderen gelten diese Ergebnisse explizit für lange Sachtexte. Hier ist das Problem, dass die vordergründige Zweidimensionalität von digitalen Texten Nachteile gegenüber der Dreidimensionalität eines Buches hat, was den Überblick über einen längeren Text betrifft.

So wird als eine der Forderungen, die die Wissenschaftler aus den Forschungsergebnissen ableiten, formuliert: „Daher ist es wichtig, dass das Lesen langer Texte als eine unter mehreren Leseformen bewahrt und gefördert wird.“ (ebd.). „Mehrere Leseformen“ meint hier einen pluralistischen Text- und Lesebegriff, der digitale und analoge Lesestrategien einschließt.

Für Bildungsinstitutionen gibt E-READ auf der Basis der Studie folgerichtig eine sehr konkrete Empfehlung:

  • Den Schülern und Studenten sollten Strategien aufgezeigt werden, damit ihnen tiefes Lesen auf digitalen Geräten geling“ (ebd). In diesem Beitrag wird der Versuch gemacht,eine solche Strategie zu formulieren.

Didaktischer Hintergrund

„Die Einsicht, dass gesellschaftlich ein Leitmedienwechsel stattgefunden hat und Smartphones für Jugendliche Kulturzugangsgeräte sind, lässt sich aus deutschdidaktischen Erwägungen nicht mehr wegdenken“[1], konstatiert Philipp Wampfler in seinem Buch „Digitaler Deutschunterricht“ richtiger Weise. Ein zeitgemäßer Deutschunterricht geht den Empfehlungen der Kulturministerkonferenz entsprechend selbstverständlich von einem Text- und Literaturbegriff aus, der so weit gefasst ist, dass mediale/digitale Texte und analoge Texte gleichermaßen gemeint sind. Die Erfahrungen mit Texten, die Jugendliche außerhalb von Schule machen, sind zu einem großen Teil digital, so dass Mediendidaktiker wie Prof. Dr. Volker Frederking mit Nachdruck fordern, „die einseitige printmediale Ausrichtung des Deutschunterricht aufzugeben und durch Formen des Umgangs mit Sprache und Literatur zu ersetzen, in denen digitale Medien eine zentrale Rolle spielen“[2].

Lehrende sollten bei der Leseförderung ihrer Schülerinnen und Schüler deshalb digitale Texte nicht ausblenden, sondern ganz im Gegenteil, Lernmöglichkeiten schaffen, Strategien zum Lesen digitaler Texte zu entwickeln und damit Kompetenzen im Lesen digitaler Texte anzubahnen.

Lesen als Schlüssel zum Bildungserfolg

Lesekompetenz ist die Schlüsselkompetenz für Bildungserfolg, sie zu fördern ist deshalb eine zentrale Aufgabe der Schule. Dabei ist Lesekompetenz ein äußerst vielschichtiger Begriff, der in der Grafik visualisiert wird. Der Begriff umfasst den eher technischen Vorgang des Lesens, das gestaltende (Vor-)Lesen, das sinnentnehmende Lesen und ein analytisches Lesen, beispielsweise eines literarischen Textes.

Die vier Segmente der Lesekompetenz beeinflussen und bedingen sich gegenseitig. Bei einzelnen Unterrichtsvorhaben und in verschiedenen Jahrgangsstufen werden die Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt, das bedeutet, dass Lesekompetenz in all diesen Teilbereichen zu fördern ist und über die gesamte Schullaufbahn hinweg eine spiralcurricular angelegte Aufgabe von hoher Wichtigkeit im Fach Deutsch ist.

Im Folgenden wird der Fokus auf das sinnentnehmende Lesen, bzw. auf den Umgang mit Sachtexten, gelegt. Hier sollen nun digitale und analoge Texte in Bezug auf ihre Struktur, ihre Chancen und Herausforderungen vergleichend dargestellt werden, um darauf aufbauend eine Lesestrategie ableiten zu können.

Analoge und digitale Texte im Vergleich

Die vergleichende Gegenüberstellung ist an den Vortrag „Lesestrategien für digitale Medien“ von Prof. Dr.Berbeli Wanning[3] angelehnt.

analoge Texte digitale Texte
Merkmale Autor bestimmt Form und Inhalt

Worttext + Bild

Fußnoten weisen über den Text hinaus

Autor bestimmt Form und Inhalt nur eingeschränkt.

Worttext + Bild/Ton/Video

Links zu Verweistexten: digitaler Text ordnet sich in andere Hypertexte ein.

Multiple Strukturen

Rolle der

Lesenden

Lesende bleiben dabei oder brechen ab. Lesende legen eigene Navigationspfade

Lesende können „verschwinden“ – Link als Absprung zu einem anderen Text.

Theorie Rezeptives Lesen:

Rezeption von Inhalten

Übernahme von Wissen

rekonstruierender Prozess

Performatives Lesen:

individuelle Lesepfade

aktive Konstruktion von Wissen

kreativ-produktiver Prozess

Aus der Gegenüberstellung kann man sehr gut die Herausforderungen, die digitale Texte an Lesende stellen, ablesen.

Herausforderungen digitaler Texte

  1. Die Hypertextstruktur, die durch weiterführende Links entsteht, schafft multiple Strukturen statt Chronologie. Die Orientierung für Lesende ist erschwert.
  2. Der Lesefluss wird häufig unterbrochen. Das Switchen zwischen verschiedenen Texten, das durch Verlinkungen ermöglicht wird, behindert das Eintauchen in einen Text und dessen Struktur.
  3. Vielfältige Ablenkungen (z.B. durch Werbungen, grafische Animationen etc.) erschweren die Konzentration auf den Text.
  4. Die Autoren von Texten, die Herausgeber von Blogs oder Internetseiten sind schwerer zu identifizieren als bei analog vorliegenden Texten und die Dokumentation der Quellen erfordert einen reflektierten Umgang mit Urheberrechtsfragen.
  5. Der Lektüreprozess muss rekonstruiert werden (Lesezeichen, Browserverlauf), oder parallel zum Lesen muss ein Schreibproduktionsprozess beginnen.

Lesestrategien für digitale Texte

Zugleich liegen in diesen Herausforderungen aber auch die Chancen von digitalen Texten. Um sie nutzen zu können, müssen Schülerinnen und Schüler Strategien entwickeln, den Herausforderungen zu begegnen und damit digitale Texte erfolgreich lesen zu können. Die Fünf-Schritt-Lesemethode 2.0 ermöglicht es Lernenden, Lesekompetenzen für digitale Texte aufzubauen.

 

Die Fünf-Schritt-Lesemethode 2.0 – digitale Texte verstehen
1 Überfliege den

Text!

Schaffe dir einen Überblick über den gesamten Text. Wie ist er strukturiert? Wer ist der Autor? Setze ein Lesezeichen, um zu dem Text zurückzugelangen, wenn du über weiterführende Links tiefer in das Thema einsteigst.
2 Stelle Fragen

(W-Fragen)!

Mache dir parallel digital Notizen, z.B. mit dem Tool Evernote.

Hier kannst du auch mit anderen kollaborativ arbeiten, z.B. über ein Chatfunktion in einem Lern-Management-System

3 Lies gründlich! Kopiere Passagen, die dich interessieren, in ein Textdokument und markiere anschließend wichtige Inhalte.

Denke daran, die links aus dem Browser zu kopieren, um die Quellen angeben zu können.

4 Fasse Wichtiges

zusammen!

Verschaffe dir einen Überblick und strukturiere die Inhalte. Dies kannst du z.B. mit einer Mindmap oder mit einer digitalen Pinnwand (padlet) gemeinsam mit anderen tun. Hier kannst du Videos, PDF-Dateien und deine Notizen sammeln.
5 Fasse in eigenen Worten zusammen! Nun kannst du alle Informationen, die du gesammelt hast, mit eigenen Worten einem Textdokumentzusammenführen. Dies kannst du auch kollaborativ (mit dem Tool etherpad) machen.

Literatur:

Frederking, Volker, u.a.: Mediendidaktik Deutsch. Grundlagen der Germanistik 44. Berlin 2018

Wampfler, Philippe: Digitaler Deutschunterrricht. Göttingen 2017

Wanning, Berbeli: Lesestrategien für digitale Medien. www.digitale-lesewelten.de2014

[1]Wampfler, Philippe: Digitaler Deutschunterrricht. Göttingen 2017, S. 53

[2]Frederking, Volker, u.a.: Mediendidaktik Deutsch. Grundlagen der Germanistik 44. Berlin 2018, S. 32

[3]Wanning, Berbeli: Lesestrategien für digitale Medien. www.digitale-lesewelten.de2014

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